Biographie1960-1969
1960
 Am 8. März findet die Eröffnung der ersten grossen Einzelausstellung in Otto Gersons Galerie «Fine Arts Associates» in New York statt. Im Mai ist Wotruba an der Ausstellung «Austrian painting and sculpture 1900—1960» vertreten, die in der Arts Council Gallery in London gezeigt wird. Im gleichen Monat unternehmen Fritz und Lucy Wotruba mit dem Ehepaar Kamm eine Reise zu den historischen Stätten Griechenlands. Für Wotruba bedeutet diese Reise eine Vertiefung seiner Auseinandersetzung mit dem antiken Theater; sie dient ihm auch als Vorbereitung für die Bühnenarbeit zu «Antigone» (wv 237—238), die er noch in diesem Jahr in Angriff nimmt. Es entstehen zwei «Grosse liegende Figuren» (wv 230, 233). Vom 26. September bis zum 15. Oktober zeigt die Galerie Würthle die Ausstellung «Kunst in Oesterreich 1900—1960», in der auch Werke Wotrubas zu sehen sind.
1961
 Wotruba erhält den Auftrag, ein Relief für das neue Hörsaalgebäude der Philipps-Universität in Marburg an der Lahn zu schaffen (ausgeführt 1963/64, eingeweiht 1965, wv 262). Er wird Mitglied des österreichischen Kunstsenats.
An der Ausstellung «Art Autrichien du Vingtième Siècle» im Palais des Beaux-Arts in Brüssel ist Wotruba ebenso vertreten wie an der 6. Biennale von Middelheim-Antwerpen. Am 1. März wird in Paris eine Wanderausstellung mit Werken Wotrubas eröffnet, die 1961—1962 in verschiedenen Museen Deutschlands und Hollands Station machen wird. Im Juli reist Wotruba zur Eröffnung der Ausstellung nach Dortmund. Dort lernt er den Kunsthistoriker Ulrich Martin Gertz kennen. Im selben Jahr macht er die Bekanntschaft des Prälaten Dr. Leopold Ungar, damaliger Präsident der Österreichischen Caritas, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Im Herbst ist er an der Ausstellung «The 1961 Pittsburgh International Exhibition of Contemporary Painting and Sculpture» im Carnegie Institute des Museum of Fine Arts in Pittsburgh vertreten.
1962
 Wotruba reist nach Amsterdam, wo er am 16. Februar im Stedelijk Museum der dortigen Eröffnung der ihm gewidmeten oben erwähnten Wanderausstellung beiwohnt. In Seattle ist er an der Kunstausstellung der «Seattle World’s Fair»vertreten, in Spoleto an der anlässlich des «Festival dei Due Mondi» veranstalteten Ausstellung «Sculture nella Città». Mitte Juni trifft er Theodor W. Adorno, der später einen Essay über ihn schreiben wird. Im September treten Franz Larese und Jürg Janett, die Inhaber der Galerie im Erker (heute: Erker-Galerie) in St.Gallen, erstmals mit Wotruba in Kontakt.
Am 21. September wird in Wien das Museum des 20. Jahrhunderts eröffnet, womit ein von Wotruba seit Jahren mit grossem Einsatz verfochtenes Postulat seine Erfüllung findet. Erster Direktor des neuen Museums ist Werner Hofmann. An der von ihm konzipierten Ausstellung «Kunst von 1900 bis heute» ist auch Wotruba beteiligt. Im Dezember stirbt Wotrubas Kunsthändler Otto M. Gerson. Wotruba schreibt 1967: «In ihm verliere ich mehr als einen Mann, der nur als Kunsthändler meine Interessen vertreten hat; er war mein Freund und hatte den Instinkt für mich, meine Arbeit und den günstigen Augenblick. Er war von der feinsten und zartesten Art. Den Verlust werde ich lange nicht verwinden.»
1963
 Wotruba vollendet die «Grosse liegende Figur» aus Karstmarmor (wv 255). Am 20. Mai eröffnet Werner Hofmann im Museum des 20. Jahrhunderts die erste grosse Gesamtausstellung Wotrubas in Wien. Im Juni stirbt Wotrubas Freund und Schüler Andreas Urteil. Wotruba beteiligt sich an der 7. Biennale von Middelheim-Antwerpen. Am 29. Juli verlängert der Künstler den 1958 mit Otto M. Gerson abgeschlossenen Vertrag mit dessen Rechtsnachfolgerin, der Marlborough-Gerson Gallery in New York, um weitere fünf Jahre. Der genannten Galerie wird wiederum das Alleinverkaufsrecht an den Werken Wotrubas eingeräumt.
1964
 Die Stadt Duisburg erwirbt im Januar die «Grosse liegende Figur» von 1962/63 (wv 255); die Skulptur ist für das Wilhelm-Lehmbruck-Museum bestimmt, das in diesem Jahr eröffnet wird. Von der Semperit AG erhält Wotruba den Auftrag, ein Relief für deren neues Verwaltungsgebäude in Wien zu schaffen (angebracht 1965; wv 265). Das Ehepaar Wotruba reist im April für einige Wochen nach Nervi zur Erholung. Ende April wird in der Tate Gallery in London die Ausstellung «Painting and Sculpture of a Decade 54—64» eröffnet; anlässlich der Ruhrfestspiele präsentiert die Städtische Kunsthalle in Recklinghausen die wichtige Ausstellung «Torso. Das Unvollendete als künstlerische Form». Wotruba ist an beiden Ausstellungen vertreten, ebenso an der 8. Biennale von Middelheim-Antwerpen und an der Documenta III in Kassel. Anfang September fährt Wotruba zur Eröffnung des Wilhelm-Lehmbruck-Museums nach Duisburg. Margarethe Ottilinger führt mit dem Künstler erste Gespräche über ihren Plan, ein Kloster mit Kirche zu bauen. Wotruba nimmt an der Ausstellung «The 1964 Pittsburgh International Exhibition of Contemporary Painting and Sculpture» im Carnegie Institute des Museum of Fine Arts in Pittsburgh teil.
1965
 Zu Beginn dieses Jahres tritt Wotruba als künstlerischer Leiter der Galerie Würthle zurück. Mitte Januar ernennt die Accademia di Belle Arti e del Disegno von Florenz den Bildhauer zum Ehrenmitglied. Am 3. März wird er korrespondierendes Mitglied der Accademia di San Luca in Rom. Ein von Margarethe Ottilinger gegründetes Kuratorium, bestehend aus Vertretern der Kirche, der Landesbehörden und der österreichischen Wirtschaft, erteilt Wotruba den Auftrag, für den Karmelitinnenorden in Steinbach bei Wien ein Kloster mit Kirche zu projektieren. Als das Vorhaben an mannigfachen Widerständen scheitert, wird Wotruba 1971 vom gleichen Fördererkreis beauftragt, ein Projekt für die Errichtung einer Kirche in Wien-Mauer zu erstellen. Die Kirche «Zur Heiligsten Dreifaltigkeit», nach Wotrubas Modell gebaut, wird 1976, ein Jahr nach Wotrubas Tod, geweiht. Wotruba sah im Auftrag, eine Kirche zu bauen, die Möglichkeit, von der ‹unechten› Theaterarchitektur weg- und zur echten Architektur zu kommen. Wotruba dazu: «Wenn dieser Bau glückt, wird er von grosser Dynamik und Dramatik sein. Das scheinbare Chaos, das durch die Anordnung asymmetrischer Blöcke entsteht, sollte zuletzt eine harmonische Einheit ergeben.» Am 28. Juni wird Wotruba Mitglied des Künstlerverbandes «Neue Gruppe» in München. Im August übernimmt er für einige Wochen die interimistische Leitung der Meisterschule für Bühnenbildnerei und Festgestaltung an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Im Herbst stellt Wotruba in der Graphischen Sammlung Albertina in Wien Zeichnungen, Druckgrafiken und Ölbilder aus, gleichzeitig nimmt er an der Ausstellung «Panathénées de la Sculpture Mondiale» auf dem Hügel Philopappos in Athen teil.
1966
 Im Januar stirbt Wotrubas Künstlerkollege und Freund Herbert Boeckl. Wotruba schreibt über ihn: «Er war ein genialer Mensch und hatte den Mut, sich so zu benehmen, wie ein Genie sich benehmen muss. Aber war er wirklich ein Genie? Jedenfalls war er echt, echt auch in der Lüge. Vielleicht habe ich ihn deswegen so geliebt, weil in mir die zutiefst gleiche Heuchelei steckt. Das Leben mit ihm war oft ein grosser Spass.» Am 17. Januar ziehen Fritz und Lucy Wotruba in die Blutgasse 3/5 im 1. Bezirk, wo sie bis zu Wotrubas Tod bleiben. Im Januar und im Februar nimmt der Künstler im Rahmen des Österreichischen Nationalkomitees an der Vorbereitung des «Ersten Weltfestivals der Negerkünste» teil, das im April desselben Jahres in Dakar stattfinden soll. Hanns A. Brütsch beauftragt Wotruba im März, für die Kirche St.Michael in Luzern eine Skulptur zu schaffen und deren Altarraum künstlerisch auszustatten (wv 283 und 346). Der Auftrag wird im folgenden Jahr ausgeführt. Es entsteht die «Grosse stehende Figur» aus Carrara-Marmor (wv 277). Wotruba trifft erneut mit Theodor W. Adorno und dessen Frau zusammen: «[...] es gibt ein interessantes Gespräch über die Nützlichkeit eines aussergewöhnlichen Dirigenten, nicht nur allgemein, sondern vor allem bei Richard Wagner. Adorno gibt mir den versprochenen Essay, ich bin froh darüber.» Ende Mai sehen sich auch Canetti und Wotruba nach langer Zeit wieder. Anlässlich der Ausstellung «Mostra internazionale d’Arte sacra» in Triest erhält Wotruba die Goldmedaille des italienischen Staatspräsidenten. Am 10. Oktober wird im Institut Autrichien in Paris unter dem Titel «Dessins pour le Théâtre antique» eine Ausstellung über Wotrubas Bühnengestaltungen eröffnet, die bis im Juni 1967 in verschiedenen Museen und Kulturinstitutionen Frankreichs gezeigt wird. Im Dezember stirbt Heimito von Doderer, über dessen Ende Wotruba in einem Text nachsinnt.
1967
 Wotruba lehnt im April die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold, verliehen in Würdigung besonderer Verdienste, ab. «Aus grundsätzlichen Gründen möchte ich aber keinerlei Auszeichnungen in Form von Orden, Ehrenzeichen, Medaillen etc. annehmen. Ich fühle mich freier, unabhängiger und uneingeschränkter, und ich bitte Sie mich zu verstehen und meinen Wunsch insofern zu respektieren, dass er nicht falsch interpretiert wird.» Der Künstler beteiligt sich an der «International Exhibition of Contemporary Sculpture», die im Rahmen der «World’s Fair Expo ’67» in Montreal stattfindet. Am 7. Juni wird im Haus der Kunst in München die grosse, Wotrubas Schaffen gewidmete Wanderausstellung eröffnet, die anschliessend in verschiedenen Museen Deutschlands, Hollands und Englands Station machen wird. Im Juli stirbt in Zug sein langjähriger Freund Fritz Kamm. Zum letzten Mal beteiligt sich Wotruba an der «Pittsburgh International Exhibition of Contemporary Painting and Sculpture» im Carnegie Institute des Museum of Fine Arts in Pittsburgh. Werke von ihm reisen in der Wanderausstellung «The Guggenheim International Exhibition 1967: Sculpture from Twenty Nations» bis im August 1968 durch die USA und Kanada.
1968
 Im März reist Wotruba nach Rotterdam zur Eröffnung der zu diesem Zeitpunkt vom Museum Boymans-van Beuningen übernommenen oben erwähnten Wanderausstellung. Wotruba dazu: «Es ist wahrscheinlich die schönste dieser Ausstellungsreihe [...] Als Folge der Ausstellung erhalte ich von der Stadt R. den Auftrag eine Stein-Skulptur auf einem Platz, den ich selber wählen kann, aufzustellen.» Noch im gleichen Monat wird der Künstler vom Musikverlag B. Schott’s Söhne, Mainz, beauftragt, eine dem Andenken Richard Wagners gewidmete Skulptur (wv 302) zu schaffen. 1970 wird das Denkmal am Rheinufer in Mainz auf der Höhe der Rheingoldhalle errichtet. Für die barocke Hofkirche von Bruchsal soll Wotruba ein Kruzifix schaffen und die künstlerische Ausstattung des Altarraumes übernehmen (Weihe 1969; wv 294 und 347). Im Juni wird in der Philipps Collection in Washington die Ausstellung «Twentieth Century» eröffnet, an der auch Wotruba vertreten ist. Mitte August wohnt Wotruba in Edinburgh der Eröffnung seiner nun dort Station machenden Wanderausstellung bei. Im Herbst nimmt Wotruba an «Profile VIII — Österreichische Kunst heute» in der Städtischen Kunstgalerie in Bochum und an der Ausstellung «Menschenbilder» in der Kunsthalle in Darmstadt teil.
1969
 Im Künstlerhaus Graz zeigt die Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum von Februar bis März eine Retrospektive Wotrubas. Am 15. April wird eine grosse Einzelausstellung des Künstlers in der Nationalgalerie in Prag eröffnet. Wotruba entwirft im Laufe dieses Jahres verschiedene Torso-Figuren (wv 303—305, 309, 310), u.a. den «Torso» aus Laaser Marmor (wv 310). Mitte bis Ende Juni sind Fritz und Lucy Wotruba, wie schon seit Jahren, am Lido von Venedig. Am 19. Juli reist Wotruba zur Eröffnung seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie im Erker nach St.Gallen. Von August bis Oktober zeigt das Hakone Open Air Museum in Tokio die Ausstellung «The First International Exhibition of Modern Sculpture», an der auch Wotruba vertreten ist.