Biographie1950-1959
1951
 Zu Beginn des Jahres reist Fritz Wotruba in Begleitung seiner Frau zu seinen beiden Einzelausstellungen im Amerika-Haus in München und im Palais des Beaux-Arts in Brüssel. In Brüssel lernt Wotruba Peggy Guggenheim kennen.
Er nimmt erneut am Salon de Mai in Paris teil. In Wien begegnet er Manfred Mautner Markhof, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Anlässlich der im Rahmen des «Festival of Britain» im Battersea Park stattfindenden Ausstellung «Sculpture», an der Wotruba vertreten ist, fährt er mit Marian im Mai nach London. Im Institute of Contemporary Art hält Herbert Read einen Vortrag über den Wiener Bildhauer. Zusammen mit Elias und Veza Canetti, die sie nach langer Zeit in London wiedersehen, besuchen Fritz und Marian Wotruba Henry Moore in Much Hadham. Dazu Wotruba 1958: «[...] London [...] sehr beeindruckt von den Museen und Sammlungen. Viel mit Elias Canetti und seiner Frau Veza zusammen, es ist wie vor vielen Jahren [...]. Zurück über die Schweiz, kurz bei Salis auf Schloss Brunegg, dann Wien [Anfang Juni]. Marian geht es immer schlechter. In diesen Momenten arbeite ich an der grossen Liegenden [wv 161], die Krankheit kommt hinein. Am 31. August stirbt Marian.» Das Begräbnis, zu dem Jean Rudolf von Salis nach Wien reist, findet am 14. September statt.
1952
 Wotruba ist an der Internationalen Plastikausstellung «Sonsbeek ’52» vertreten. Im Juni fährt er zur Eröffnung der XXVI. Biennale nach Venedig, an der er erneut ausstellt. Er trifft dort Hans Hartung, Giorgio Morandi und Graham Sutherland. Ende Oktober nimmt der französische Galerist Louis Carré Kontakt mit Wotruba auf; er habe dessen Werke an der Biennale in Venedig mit grossem Interesse gesehen. Diese Kontaktnahme von Seiten Carrés wird Wotruba zustatten kommen, als er im darauf folgenden Jahr, nunmehr als künstlerischer Leiter der Galerie Würthle, mit diesem in Geschäftsbeziehungen tritt.
1953
 Fritz Kamm erwirbt auf Anregung Wotrubas die Galerie Würthle in Wien. Wotruba wird deren künstlerischer Leiter. Mit dem von ihm in den kommenden Jahren gestalteten und durchgeführten Ausstellungsprogramm kann Wotruba sein Anliegen, den kulturellen Wiederaufbau Wiens zu fördern, auf einem weiteren, nunmehr entscheidenden Gebiet, dem der Sichtbarmachung zeitgenössischer Kunstströmungen, in die Tat umsetzen. Er zeigt, was in einer Stadt, die über kein Museum moderner Kunst verfügt, besonders not tut, einerseits die Klassiker der Moderne wie Picasso, Léger, Schlemmer u.a., anderseits stellt er die in Wien weitgehend in Vergessenheit geratenen österreichischen Pioniere der modernen Kunst vor: Klimt, Schiele, Kokoschka und mit besonderer Betonung Richard Gerstl. In seinem Atelier findet die 1951 begonnene «Grosse liegende Figur» nach zweimaliger Überarbeitung ihre endgültige Fassung (wv 161). Wotruba nimmt an der 2. Biennale von Middelheim-Antwerpen, am Salon de Mai in Paris und an den internationalen Plastikausstellungen im Freien in Varese und Hamburg teil. Für die Otto Glöckel-Schule in Linz schafft er ein Relief, das 1954 dort angebracht wird (wv 188). Zudem erhält er den Auftrag, für die Städtische Wohnhausanlage an der Reinprechtsdorferstrasse 1—3 im 5. Wiener Stadtbezirk ein Relief zu schaffen (Matzleinsdorfer Relief I, wv 198/1a). Dessen unikater Zementabguss wird 1955 an der Strassenfassade der Siedlung angebracht.
Wotruba wird Mitglied des Österreichischen Werkbundes.
1954
 Wotruba vollendet den «Stehenden Torso» (wv 189), die erste seiner Säulenfiguren. Im Februar wird er in den Wissenschaftlichen Beirat des Theodor Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst gewählt. Am 3. April wird er ordentlicher Professor für Bildhauerei der Akademie der bildenden Künste in Wien. Von Mai bis September findet im Holland Park in London die Ausstellung «Sculpture in die Open Air» statt, an der der Künstler vertreten ist. Am 26. Oktober eröffnet Wotruba in der von ihm geleiteten Galerie Würthle in Wien eine Ausstellung eigener Werke. Ende des Jahres schreibt Elias Canetti einen Essay für die im Verlag Brüder Rosenbaum, Wien, in Vorbereitung stehende Wotruba-Monografie.
1955
 Wotruba erhält den Auftrag, ein Kruzifix für die Pfarrkirche von Salzburg-Parsch zu schaffen (wv 199). Es wird 1956 an der Giebelwand der Kirche angebracht. Im April beginnt im Institute of Contemporary Art in Boston als erster Station die grosse Wanderausstellung mit Werken Wotrubas, die bis 1956 in verschiedenen Museen der USA und Kanadas gezeigt wird. Der Künstler beteiligt sich an der Internationalen Plastikausstellung «Sonsbeek ’55» in Arnhem, an der Ausstellung «10 Jahre Malerei und Plastik in Österreich» im Künstlerhaus Wien und an der 3. Biennale von Middelheim-Antwerpen. Am 15. September heiratet Wotruba Lucy Vorel in Wien. Im gleichen Monat wird ihm der Gustav-Klimt-Preis der Vereinigung Bildender Künstler Wiener Secession verliehen. Mitte Oktober fährt Wotruba mit Fritz Kamm, wie in den folgenden Jahren regelmässig, im Rahmen seiner Tätigkeit für die Galerie Würthle geschäftlich zu Louis Carré nach Paris.
1956
 Es entstehen die verschiedenen Fassungen der «Stehenden Figur» (wv 201). Am 1. April nimmt Fritz Wotruba in Begleitung seiner Frau an der Eröffnung der ihm gewidmeten Ausstellung im Istituto Austriaco di Cultura in Rom teil. Werner Hofmann hält bei diesem Anlass einen Vortrag über den Künstler. Anfang Mai wird Wotruba der Grosse Staatspreis der Republik Österreich zugesprochen. Am 7. Mai stirbt Josef Hoffmann, für den Wotruba später das Grabmal entwirft (wv 228). Von der Stadt Wien erhält Wotruba den Auftrag, eine Steinskulptur für die Wiener Stadthalle zu schaffen («Grosse stehende Figur», 1958/59, errichtet 1959, wv 214). Mitte November wird in Amsterdam eine Wanderausstellung österreichischer Kunst eröffnet, an der auch Wotruba vertreten ist; sie wird anschliessend in verschiedenen Museen Hollands und in der Schweiz gezeigt werden.
1957
 Wotruba erhält den Auftrag, ein Werk für den Österreichischen Pavillon der im nächsten Jahr stattfindenden Weltausstellung in Brüssel zu gestalten. Er beginnt noch in diesem Jahr mit der Arbeit am «Grossen Figurenrelief» (wv 206). Michel Seuphor besucht den Künstler in Wien. Im Frühjahr (Januar bis März) wird eine Wanderausstellung mit Arbeiten Kokoschkas, Kubins und Wotrubas in Baden-Baden und Pforzheim gezeigt. Im Sommer stellt Wotruba an der 4. Biennale von Middelheim-Antwerpen und an der Triennale von Mailand aus. Anfang August wird in Stockholm eine Wanderausstellung mit Werken von Fritz Wotruba, Anton Romako und Alfred Kubin eröffnet, die anschliessend in verschiedenen Museen Schwedens gezeigt wird. Am 31. August ernennt der Verein des Österreichischen College in Alpbach Wotruba zum Ehrenmitglied. An der IV. Biennale von São Paulo ist der Künstler im Herbst mit einer Sonderausstellung vertreten.
1958
 Mit dem Torso II (wv 210) entsteht die erste Pfeilerfigur. Im Frühling reist Wotruba mit seiner Frau nach Brüssel, wo er ausser im Österreichischen Pavillon («Grosses Figurenrelief») auch an der Ausstellung «50 Ans d’Art Moderne» im Palais International des Beaux-Arts vertreten ist. Bei dieser Gelegenheit lernt er den Kunsthistoriker M.A. Hammacher kennen. Im Sommer nimmt Wotruba an der Internationalen Plastikausstellung «Sonsbeek ’58» in Arnhem teil. Im Oktober unterzeichnet er einen Kunsthandelsvertrag mit der Otto M. Gerson gehörenden Galerie «Fine Arts Associates», New York. Die Galerie erhält das alleinige Verkaufsrecht für Wotrubas Werke. Am 5. Dezember wird die Ausstellung «The 1958 Pittsburgh International Exhibition of Contemporary Painting and Sculpture» im Carnegie Institute des Museum of Fine Arts in Pittsburgh eröffnet, an der Wotruba vertreten ist.
1959
 Gustav Rudolf Sellner, Gastregisseur am Burgtheater in Wien, gewinnt Wotruba für die Bühnengestaltung des von ihm geplanten Antikezyklus von Sophokles. Sellner erinnert sich 1967: «Er nahm mich ohne viel Umstände mit ins Atelier, in den verzauberten Garten am Prater. Es war relativ leer, er hatte vieles auf Ausstellungen, aber ein paar herrliche Bronzestücke fand ich, darunter den Pylon, das Zeichen, das dann später die Szene des Ödipus beherrschen sollte. In der aufgeräumten Unordnung der Werkstatt herumstöbernd, entdeckte ich plötzlich den Grund meiner Unsicherheit: Je länger ich mich umsah, desto intensiver begann ich zu fühlen, wie suspekt diesem Mann da das Theater sein musste. Seine Steine, fand ich, hatten Wahrheit, und vor dieser Wahrheit wurde mir verteufelt leid, dass ich ‹vom Theater› war [...] Ich respektierte den Wall [...] und holte von der Terrasse drei kleine Bronzen herein: zwei Reliefwände, wohl Vorarbeiten für das Dokumentarelief und eine Figur, die ich als Pfeiler ansah. Diese brachte ich in die Mitte zwischen die Wände, die im Winkel einander gegenüber standen. Ich sagte ihm, das sei eigentlich alles, was ich zum Ödipus nötig hätte. Diese Mitte, die einen Altarplatz bedeute und zwei tönende Wände, aus denen ein geteilter Chor heraussprechen könne. Das war es. Er sah es sich an und ging an die Arbeit.»
In den folgenden Jahren entstehen Zeichnungen, Entwürfe und Modelle für die Bühnenarchitektur, die Kostüme und die Masken der Sophokles-Dramen «König Ödipus» (1960, Burgtheater Wien; wv 220—224), «Antigone» (1961, Burgtheater Wien; wv 237—238), «Elektra» (1963, Burgtheater Wien; wv 252, 256), «König Ödipus» und «Ödipus auf Kolonos» (1965, Felsenreitschule Salzburg; wv 272), «König Ödipus» (1966, Theater des Herodes Atticus in Athen; wv 284). Als letzte Arbeit für die Bühne entwirft Wotruba 1966 die Modelle der Bühnenaufbauten und die Kostüme für die Oper «Der Ring des Nibelungen» (wv 289) von Richard Wagner, die 1967/68 an der Deutschen Oper in Berlin aufgeführt wird. Die Arbeiten für die Bühne wirken sich, in den Worten des Künstlers, als «ungeheuer fruchtbar, breit und stark»43 auf sein späteres bildhauerisches Schaffen aus. Im Januar legt Wotruba das Amt als Vizepräsident des Österreichischen Nationalkomitees der «International Association of Plastic Arts» (Internationale Vereinigung für bildende Künste der UNESCO) nieder. Am 5. Februar wird ihm in Brüssel in Abwesenheit die Medaille für den Grand Prix der Weltausstellung verliehen. Er ist an der 5. Biennale von Middelheim-Antwerpen und an der Documenta II in Kassel vertreten. Aus Protest gegen die Aufnahme Ungarns in den Internationalen P.E.N. Club tritt Wotruba am 22. Juli aus dessen Österreichischer Sektion aus. Ende September wird im Museum of Modern Art in New York die bedeutende Ausstellung «New Images of Man» eröffnet, an der Wotruba ebenfalls vertreten ist.