Biographie1940-1959
1940-1945
 Bis 1945 leben Fritz und Marian Wotruba in Zug. Mitte 1943 entsteht der «Liegende Jüngling» aus Muschelkalk (wv 109), 1944 die «Stürzende» (wv 112). Wotruba befreundet sich mit Manuel Gasser und Heinz Keller. Sein Atelier wird zum Treffpunkt vieler emigrierter Künstler und Intellektueller, so für Uli und Dana Becher, Maria Becker, François Bondy, Maria Fein und ihren Mann Franz, Marino Marini und seine Frau Marina, Germaine Richier und den Dramatiker Fritz Hochwälder. Auch junge Zuger Künstler wie Eugen Hotz oder Leo Hafner verkehren im Atelier des Wiener Bildhauers. Wotruba kann sich an mehreren Ausstellungen in schweizerischen Museen beteiligen. Werke des Künstlers finden in öffentliche wie private Sammlungen Eingang.
1940
 Im April unternehmen Fritz und Marian Wotruba eine Fahrradtour nach Genf, um dort Robert und Martha Musil zu besuchen, die seit einem Jahr ebenfalls in der Schweiz im Exil leben. Da sich Wotruba in dieser kritischen Phase des Krieges in der deutschen Schweiz, nahe der Grenze zu Deutschland, nicht sicher fühlt, planen er und Marian, nach Genf umzuziehen. Das Ehepaar erhält dort eine beschränkte, bis August gültige Aufenthaltsbewilligung. Sie wohnen in Chêne-Bougeries. Wotruba findet einen Arbeitsplatz in einem Steinlager, wo ihn Musil jeden zweiten Tag nach der Arbeit abholt. Hier entsteht die «Grosse Stehende», auch «Genfer Venus» genannt (wv 97). Da Musil und seine Frau in kärglichen materiellen Verhältnissen leben, verwendet sich Wotruba für sie bei Pfarrer Lejeune, der sie künftig betreuen wird. Ende August kehrt das Ehepaar Wotruba nach Zug zurück.
1945
 Im Verlag Oprecht in Zürich, der sich des Schrifttums zahlreicher in die Schweiz geflüchteter Emigranten annimmt, erscheinen Wotrubas «Überlegungen. Gedanken zur Kunst», in denen sich der Künstler zur Kunst und Kulturpolitik seiner Zeit äussert. Im April und im Mai ist Wotruba für das Vorbereitende Komitee der österreichischen Künstler in der Schweiz und für die Frei-österreichische Bewegung in der Schweiz tätig. Herbert Boeckl setzt sich Ende Juni für die Berufung Wotrubas an die Akademie der bildenden Künste in Wien ein. Am 8. August wird Wotruba vom Staatsamt für Volksaufklärung, für Unterricht und Erziehung und für Kultusangelegenheiten offiziell zum künstlerischen Leiter der Meisterklasse der Akademie bestellt. Im September macht Wotruba die Bekanntschaft des Historikers Jean Rudolf von Salis, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Von Salis gründet in Zürich die «Gesellschaft zur Förderung der kulturellen Beziehungen zwischen Österreich und der Schweiz», der Wotruba beitritt; von Salis wird deren Präsident. Im Oktober bittet Boeckl Wotruba in einem Brief, möglichst schnell nach Wien zu kommen, um sein Lehramt anzutreten. Zusammen mit seiner Frau kehrt der Künstler Mitte Dezember in seine Heimatstadt zurück. In seinen autobiografischen Aufzeichnungen schreibt Wotruba über die Rückkehr nach Wien: «Der plötzliche Wechsel wirkt wie ein Schock auf mich u. meine Arbeit. Die Zerstörungen lösen keine Untergangskunst aus, im Gegenteil [sie lösen] das Skulpturale [aus] also die Figur als Begriff u. Vorstellung eines Körpers mit festen reinen Umrissen deutlich und klar.»
1946
 Nach Wien zurückgekehrt, beziehen Fritz und Marian Wotruba Ende Januar eine Wohnung in der Seilergasse 4/5 im 1. Bezirk, wo sie lange Zeit bleiben werden. Als erste Skulptur nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil entsteht die «Weibliche Kathedrale» (wv 117), die einen Wendepunkt im Œuvre Wotrubas markiert. Ansonsten ist der Künstler in den ersten Monaten vor allem mit der Instandsetzung der Bildhauerschule an der Böcklinstrasse beschäftigt. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten beteiligt sich Wotruba unermüdlich und mit grossem Einsatz am kulturellen Wiederaufbau Wiens. Wie schon in Zug geschehen, wird Wotrubas Wohnung in Wien, mit tätiger Hilfe Marians, bald einmal zum Treffpunkt für Künstler, Musiker, Schriftsteller und Studenten, die in der vom Krieg gezeichneten Stadt gangbare Wege aus der kulturellen Leere suchen. In diesem Umfeld lernt Wotruba Josef Matthias Hauer, dessen Werk er bewundert, Egon Seefehlner, Gottfried von Einem, Alexander Auer, Leo Hochner und den Historiker und Kulturphilosophen Friedrich Heer kennen. Wotruba selbst nimmt in Vorträgen und Aufsätzen immer wieder zu kulturellen und kulturpolitischen Themen Stellung. An der Akademie setzt er sich für eine gute Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses ein, wobei ihm die Vermittlung der in Vergessenheit geratenen Wiener Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein besonderes Anliegen ist. Im Mai reisen Wotrubas für drei Wochen nach Zug, um sich einerseits von den Wiener Strapazen zu erholen; anderseits ist Wotruba als Mitglied der «Gesellschaft zur Förderung der kulturellen Beziehungen zwischen Österreich und der Schweiz» an der Organisation der Ausstellung «Meisterwerke aus Österreich» (vom Mittelalter bis zur Gegenwart) beteiligt, die im Kunsthaus Zürich am 26. Oktober eröffnet wird. Der Künstler ist darin mit eigenen Werken vertreten. Am 1. September tritt Wotruba dem Österreichischen Gewerkschaftsbund bei.
1947-1950
 Am 14. Mai wird Wotruba zum ausserordentlichen Professor für Bildhauerei der Akademie der bildenden Künste ernannt. Er nimmt an einer Wanderausstellung der Sektion Österreich des ART CLUB teil, ohne dort je Mitglied zu werden. An der Eröffnung der Ausstellung in Rom sind Fritz und Marian Wotruba anwesend. Anschliessend fahren sie nach Paris weiter, wo sie Jean Cassou und Georges Salles treffen, die für das kommende Jahr eine Wotruba-Ausstellung im dortigen Musée National d’Art Moderne planen. Anlässlich dieser Reise begegnet Wotruba Alberto Giacometti, Alberto Magnelli, Henri Laurens und Ossip Zadkine; bei gleicher Gelegenheit lernt er Daniel-Henry Kahnweiler, Willem Sandberg und den Kunsthistoriker Bernard Dorival kennen. Zurück in Wien, beschäftigt sich Wotruba unter anderem mit der Bühnengestaltung und den Kostümen für «Die Geschichte vom Soldaten» von Igor Strawinsky und C.-F. Ramuz, die am 14. April 1948 im Wiener Konzerthaus unter der musikalischen Leitung von Paul Sacher aufgeführt wird.

1948
Am 10. Januar wird Wotruba der Preis der Stadt Wien verliehen. In den Editions Graphis, Amstutz und Herdeg, in Zürich erscheint die erste monografische Publikation über Wotruba; den einführenden Text hatte Jean Rudolf von Salis 1947 während eines langen Aufenthaltes in Wien verfasst. Im Sommer findet an der XXIV. Biennale in Venedig eine Sonderausstellung von Schiele und Wotruba statt. Fritz und Marian Wotruba reisen im Juli nach Marseille, wo sie unter anderem auch eine Segeltour vor der Küste unternehmen.38 Sie fahren über Zürich nach Wien zurück. Am 14. Oktober wird Wotrubas grosse Einzelausstellung im Musée National d’Art Moderne in Paris eröffnet. Im Dezember fragt ihn die Österreichische Gesandtschaft in Brüssel an, ob er Interesse hätte, sein Werk auch in Brüssel vorzustellen. Drei Jahre später findet die Ausstellung im dortigen Palais des Beaux-Arts statt.

1949
Es entsteht die «Grosse sitzende Figur», auch «Menschliche Kathedrale» genannt (wv 145). Marian Wotruba erkrankt an Krebs, sie wird von der seit 1946 im Haushalt Wotruba lebenden Lucy Vorel gepflegt werden. Wotruba nimmt an der Ausstellung «3rd Sculpture International 1949» in Philadelphia, am Salon de Mai in Paris und an der Internationalen Plastikausstellung «Sonsbeek ’49» in Arnhem teil. Im Juni/Juli unternimmt das Ehepaar Wotruba erneut eine ausgedehnte Reise nach Paris und Marseille.

1950
Im April/Mai 1950 unternehmen Fritz und Marian Wotruba mit dem Ehepaar Kamm eine dreiwöchige Reise, die sie vorerst durch den Süden Frankreichs, dann entlang der Loire nach Paris und nach Strassburg führt. Wotruba nimmt an der XXV. Biennale von Venedig teil. Im August veranstaltet die Galerie Welz im Carabinieri-Saal der Residenz in Salzburg eine Einzelausstellung des Künstlers.