Biographie1930-1939
1930
 In der neuen Werkstatt entstehen zwei «Torsi» (wv 38 und 39). Wotruba nimmt an der Frühjahrsausstellung der Vereinigung Bildender Künstler Wiener Secession teil. Im Anschluss daran wird der «Junge Riese» (wv 21), ein unikater Bleiabguss, auf Anregung von Eduard Leisching von der Gemeinde Wien erworben, welche diesen 1932 in der Städtischen Wohnhausanlage am Engelsplatz aufstellt (1938 entfernt, später eingeschmolzen). Anlässlich der Werkbundausstellung in Wien im Mai, an der Wotruba vertreten ist, begegnet er dem Architekten Josef Hoffmann, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Aus dem Verkaufserlös des «Jungen Riesen» reist das Ehepaar Wotruba im Sommer nach Deutschland zu Marians Verwandten und dann weiter nach Holland. In Düsseldorf und Essen sieht Wotruba zum erstenmal Werke von Lehmbruck und Maillol, die ihn nachhaltig beeindrucken. Bekanntschaft mit Ernst Gosebruch, dem damaligen Direktor des Museum Folkwang in Essen. In diesem Jahr wird Wotruba «zum jüngsten Mitglied der ‹Kunstschau›, der repräsentativsten Künstlervereinigung Österreichs» ernannt.
1931
 Wotruba vollendet den «Grossen Hockenden» (wv 41) und die «Grosse Liegende» (wv 43). Im März findet im Museum Folkwang in Essen seine erste Einzelausstellung statt. Sie wurde von Wotrubas Schwiegermutter und dem Wiener Kunstkritiker und späteren Freund Hans Tietze vermittelt. Wotruba nimmt an der «Internationalen Ausstellung Plastik» im Kunsthaus Zürich teil, an der auch der elf Jahre ältere Henry Moore ausstellt. Um die Zulassungsbedingungen zu erfüllen, gibt sich Wotruba um zwei Jahre älter aus. Von Oktober bis November ist er an der CXIX. Ausstellung der Vereinigung Bildender Künstler Wiener Secession beteiligt.
1932
 Im Sommer ist Wotruba an der XVIII. Biennale von Venedig vertreten, wo er Carl Moll kennen lernt. In den folgenden, für Wotruba schwierigen Jahren wird ihn Moll finanziell unterstützen und ihm verschiedene Aufträge verschaffen. Im Juli wird Wotruba als ordentliches Mitglied in die Vereinigung Bildender Künstler Wiener Secession aufgenommen. Im September errichtet er mit Arbeitslosen das Mahnmal «Mensch verdamme den Krieg» (wv 52) als Gedenkstätte für die Opfer des 1. Weltkriegs. Es wird auf dem Friedhof von Donawitz aufgestellt, dort von den Nazis später abgetragen und am 23. Juni 1988 in Leoben neu errichtet. Anfang Oktober wird die Reliefplatte des Arbeiterdichters Alfons Petzold (wv 49), eine Auftragsarbeit der Stadt Wien, im Alfons Petzold-Hof im 11. Wiener Stadtbezirk Simmering angebracht (nach 1934 entfernt). Im Dezember hat Wotruba seine erste Einzelausstellung in der von Lea Jaray-Bondi geführten Galerie Würthle.
1933
 Am 14. März setzt der im Mai 1932 als Bundeskanzler gewählte Engelbert Dollfuss die demokratische Verfassung Österreichs ausser Kraft; er entmachtet das Parlament und führt ein autoritäres System ein. Wotruba, dessen Atelier durchsucht wird, fühlt sich bedroht. Er entschliesst sich, Österreich zu verlassen und in der Schweiz Zuflucht zu suchen. Vom 23. März bis zum 2. November halten sich Fritz und Marian Wotruba zuerst in Zürich, dann in Rüschlikon auf.
In Zürich beginnt die Freundschaft mit Hermann Haller, der Wotruba einen Arbeitsplatz in der Werkstatt des Tessiner Steinmetzen Giuseppe Trentini in Zürich-Wollishofen vermittelt. Im Exil entstehen mindestens fünf Arbeiten (wv 56—60), u.a. der «Grosse liegende Jüngling» (wv 59). Am 2. November kehrt das Ehepaar Wotruba dank der Vermittlung von Carl Moll nach Wien zurück. Ende des Jahres lernt Wotruba im Atelier von Anna Mahler, der er Unterricht in Bildhauerei erteilt, Elias Canetti kennen. «Es kommt zu einer starken heftigen Freundschaft». Laut Wotruba fällt in die Jahre 1933 und 1934 auch der «Beginn neuer u. wesentlicher Freundschaften u. engerer Bekanntschaften» mit den Schriftstellern Hermann Broch, Theodor Sapper, Hans Erich Apostel, Franz Theodor Csokor sowie mit den Malern Herbert Boeckl, Georg Merkel und Josef Dobrowsky.
1934
 In der ersten Jahreshälfte erhält Wotruba von Josef von Halban den Auftrag, das Grabmal für seine am 10. Mai 1933 verstorbene Frau, die berühmte Opernsängerin Selma von Halban-Kurz, zu schaffen, wohl ein von Carl Moll vermittelter Auftrag. Am 10. Mai wird die Grabplastik (wv 63) auf dem Wiener Zentralfriedhof enthüllt. Um die Skulptur entbrennt ein langer Streit, weshalb sie von ungefähr Ende Juni 1934 bis 1945 verhüllt oder hinter dichtem Gebüsch verborgen bleibt. Im Sommer nimmt Wotruba an der XIX. Biennale von Venedig,
an der der eben fertiggestellte, von Josef Hoffmann konzipierte neue Österreichische Pavillon offiziell eröffnet wird, teil. Fritz und Marian Wotruba werden am Anlass teilnehmen. Sie fahren am 12. Mai nach Venedig. Ebenfalls in der ersten Jahreshälfte erhält der Bildhauer den Auftrag, ein Denkmal für Gustav Mahler zu gestalten. Ursprünglich war Anton Hanak mit dieser Aufgabe betraut worden. Nach vier Jahren konfliktreicher Verhandlungen, trat er Ende 1933, kurz vor seinem Tod (7.1.1934), vom Auftrag zurück. Danach gewann Carl Moll den jungen Wotruba für das Projekt. Wotruba fertigte für das Gustav Mahler-Denkmal 12 Modelle an. Trotz des positiven Echos, das sie anlässlich einer Ausstellung in der Wiener Neuen Galerie fanden (Juli 1936), wurde das Projekt aufgegeben. 1934 lernt Wotruba Alban Berg kennen, von dem er sehr beeindruckt ist.
1935
 Im April finden erste Diskussionen über die österreichische Beteiligung an der kommenden Weltausstellung in Brüssel statt, die wegen des 2. Weltkriegs nicht durchgeführt werden kann. Wotruba wird als Teilnehmer der österreichischen Künstlerdelegation vorgeschlagen. Am 19. Dezember wird er ordentliches Mitglied des Künstlerverbandes Österreichischer Bildhauer.
1936
 Fritz und Marian Wotruba ziehen in die Canisiusgasse im 9. Wiener Stadtbezirk. Wotruba nimmt an der Sommerausstellung «Moderne Meister» im Kunstsalon Welz in Salzburg teil. Es ist die erste von vielen Ausstellungen in der Galerie von Friedrich Welz, an denen Wotruba beteiligt sein wird. Das Ehepaar Wotruba reist im Juni zur Eröffnung der XX. Biennale nach Venedig, auf der der Künstler erneut ausstellt. Dort begegnet er zum erstenmal dem Schriftsteller Robert Musil und dessen Frau Martha, mit denen das Ehepaar Wotruba künftig eine enge Freundschaft verbindet. Am 20. Oktober tritt der Bildhauer offiziell aus der Vereinigung Bildender Künstler Wiener Secession aus, der er Komplizenschaft mit den Nazis vorwirft.
1937
 Von Mai bis Juni findet im Musée du Jeu de Paume des Tuileries in Paris eine Ausstellung österreichischer Kunst statt, bei der auch Wotruba vertreten ist. Mit seiner Frau unternimmt er deshalb eine Reise nach Paris. Aristide Maillol, beeindruckt von Wotrubas in Paris ausgestelltem «Torso» (wv 22), lädt das Ehepaar in sein Atelier nach Meudon ein. Wotrubas leisten der Einladung Folge. In Wien hat sich unterdessen die politische Lage infolge der sich mehrenden nazistischen Umtriebe weiter verschärft. Am 11. August verlassen Fritz und Marian Wotruba Österreich mit dem Ziel, vorerst in Deutschland unterzutauchen. Zuvor halten sie sich kurz in Zürich, dann in Bern auf, wo sie der Eröffnung einer Ausstellung österreichischer Kunst beiwohnen. Bei dieser Gelegenheit lernen sie den Schweizer Bundesrat Philipp Etter kennen, der die Eröffnungsansprache hält. Anschliessend fahren sie nach Deutschland, wo sie am Taubenberg bei München ein Quartier finden. Hier arbeitet Wotruba kurzfristig. Im September ist das Ehepaar bei Marians Familie in Düsseldorf; ein Spitalaufenthalt Marians wird sie dort drei Monate lang festhalten. Ende des Jahres begeben sich Fritz und Marian Wotruba nach Berlin, wo sie Martha Liebermann, die Witwe Max Liebermanns, in einem Gartenhaus am Wannsee unterbringt.
1938
 Ende Januar reist Fritz Wotruba mit seiner Frau nach Essen, dann nach Münster, wo er im Kleinen Raum Clasing ausstellen kann. Anschliessend halten sich beide bis Ende März erneut in Düsseldorf auf. Derweil überstürzen sich in Österreich die Ereignisse: Am 12. März überqueren deutsche Truppen die deutsch-österreichische Grenze; ein Tag später wird der Anschluss Österreichs an das Grossdeutsche Reich proklamiert. Fritz und Marian Wotruba suchen Zuflucht in Berlin; vom 30. März bis zum 20. Mai wohnen sie beim Industriellen und Kunstsammler Berthold Nothmann; sie verkehren mit Max Niehaus, Leo von König und erneut mit Martha Liebermann. Als die Wohnung von Marians Mutter in Düsseldorf von Nazis zertrümmert, Wotrubas Atelier in Wien durchsucht und seine in Wien verbliebene Familie bedroht werden, entschliessen sich Fritz und Marian Wotruba, nach Wien zurückzukehren. Sie bleiben jedoch nur kurze Zeit, räumen das Atelier um und verpacken Wotrubas Skulpturen, die Anfang Juni nach Berlin transportiert werden. Am 7. Juni reist Wotruba allein ebenfalls nach Berlin, am 11. Juni weiter nach Hamburg, wo er bis zum 22. Juni bleibt. Inzwischen ist Marian ihrem Gatten am 13. Juni nach Berlin nachgefolgt; sie versucht dort Wohnung und Atelier zu finden. Im Juli und im August arbeitet Wotruba in Berlin. Anfang September reist das Ehepaar noch einmal nach Düsseldorf, dann zurück nach Wien. Wotruba und Musil tragen sich mit dem Gedanken, in die Schweiz zu emigrieren. Canetti setzte sich nach England, Broch nach Amerika ab. Am 17. September flieht Wotruba zunächst allein in die Schweiz. Hier bemüht er sich um eine Aufenthaltsbewilligung für sich und seine Frau und, als Alternative dazu, um je eine Einreiseerlaubnis nach England bzw. in die USA. Wotruba wohnt in Zürich, wo er seit 1933 Freunde und Bekannte hat. Hier begegnet er Pfarrer Leonhard Ragaz, dem Begründer der «Religiös-sozialen Bewegung der Schweiz». In diesem Kreis lernt er Robert Lejeune kennen, der als Pfarrer am Zürcher Neumünster wirkt. Leonhard Ragaz und Robert Lejeune, in der Schweiz als «Flüchtlingspfarrer» bekannt, haben sich als Fürsprecher und Betreuer der seit Mitte der dreissiger Jahre immer zahlreicher in der Schweiz eintreffenden Flüchtlinge und Emigranten grosse Verdienste erworben. Ende des Jahres wohnt Wotruba bei Robert Lejeune. Nachdem alle Versuche Robert Lejeunes und Hermann Hallers, eine Aufenthaltsbewilligung für Marian Wotruba zu erwirken, scheitern, ersucht Wotruba Bundesrat Philipp Etter, damaliger Vorsteher des Eidgenössischen Departementes des Innern, sich für Marian einzusetzen. Dank seiner Fürsprache erhält Marian eine «Kant. Toleranzbewilligung bis zur Vorbereitung der Auswanderg.», also eine Aufenthaltsbewilligung für den Kanton Zug, den Heimatkanton Etters.
1939
 Am 27. Januar trifft Marian in Zürich ein. Wotruba stellt mit Maurice Utrillo in der Galerie Eitel in Zürich aus. Am 7. Mai zieht das Ehepaar «in einem Lastauto mit Steinen, Koffern und Skis nach Zug — das während fast 7 Jahren der Wohnsitz [...] wird.» Im gleichen Monat nimmt Wotruba an einer Gruppenausstellung im Kunstmuseum Winterthur teil. Dort macht er die Bekanntschaft des Winterthurer Kaufmanns und Kunstsammlers Georg Reinhart, der Wotruba während der Kriegszeit finanziell grosszügig unterstützt und ihm wichtige Kontakte verschafft. Bald lernen Fritz und Marian Wotruba in Zug auch Fritz und Editha Kamm kennen, mit denen sie eine lebenslange Freundschaft verbinden wird.