Ein kurzer Abriss
  Fritz Wotruba arbeitete als junger Bildhauer im Wien der dreißiger Jahre unabhängig und distanziert sowohl von der Tradition des Wiener Secessionismus und der Dekoration der Wiener Werkstätte, als auch von der internationalen Moderne. Er holte sich Anregungen bei Wilhelm Lehmbruck und aus der klassischen Antike, wie seine frühen Torsi beweisen. Seine frühen Figuren waren kraftvolle, um mit Otto Breicha zu sprechen, “proletarische Idealfiguren”.
1938 flüchtete Fritz Wotruba in die Schweiz. Im Zuger Exil veränderte sich seine Arbeit in Richtung einer ruhigen in sich gekehrten Klassizität, die von Aristide Maillol beeinflußt war. Wotruba war in den dreißiger und vierziger Jahren den Anregungen der vormodernen Künstlergeneration (Marée, Hildebrand, Lehmbruck, Bourdelle, vor allem Maillol, auch Rodin) verhaftet und stand der Avantgarde bis dorthin reserviert gegenüber.
Mit seiner Berufung nach Wien 1945 zur Leitung einer Meisterschule für Bildhauerei an die Akademie der Bildenden Künste begann er, sich nun stärker mit der Moderne auseinanderzusetzen. Wotruba vollzog nun langsam eine Entwicklung zu einer sich vom Anatomischen lösenden Gestaltungsweise, die nur mehr strukturellen und tektonischen Gesetzen folgte.
Bis in die frühen fünfziger Jahre bilden die Grundelemente seiner blockhaften Figuren schwere Würfel und Quader, die in der Folge von röhren- und zylinderförmigen Formen abgelöst wurden. Gegen Ende der fünfziger Jahre entwickelte er daraus Säulen- und Pfeilerfiguren. Er hielt immer im erklärten Widerstand zu anderen Lösungen seiner Zeit an der FIGUR fest.
In den sechziger Jahren gab er seinem Werk noch einmal eine grundlegende Wendung und auch Klärung. Er begann mit ungegenständlichen plattenförmigen Einzelteilen zu arbeiten, relativierte die Grundform des Kubus und kam so zu dynamischeren und auch organischeren Formen.
Der stetig stärker werdende architektonische Zug in seinem Werk führte schließlich in den sechziger Jahren zu bühnenarchitektonischen Arbeiten. Diese Entwicklung findet ihren Höhepunkt in der tatsächlichen Gestaltung eines Bauwerks, nämlich der Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg in Wien-Mauer, die man sowohl als Architektur als auch begehbare Großplastik auffassen kann.
Für Wotruba war Bildhauerei in erster Linie mit dem Material Stein verbunden. Wichtig war ihm die Materialgerechtigkeit, die er durch die Methode des Direkt-In-den-Stein-Hauens ohne Modell erhalten konnte. Ab den fünfziger Jahren wandte er sich auch dem Bronzeguß zu.
Die Zeichnungen Wotrubas begleiteten sein plastisches Werk, waren ihm voraus, kündigen Wandlungen an und lassen Entwicklungen nachvollziehen.

Wie Henry Moore, Alberto Giacometti und Marino Marini, die sich wie auch Wotruba mit der menschlichen Figur auseinandersetzen und nach 1945 ihre Arbeit entscheidend veränderten, gilt Wotruba heute als “Klassiker” der modernen Plastik.
Wotruba strebte sein Leben lang nach dem zeitlosen, archetypischen Ausdruck und suchte Monumentalität und Harmonie in der einfachen Form. Er hat zur Entwicklung der Darstellung des Menschenbildes in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts einen bedeutenden Teil beigetragen.